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  • AutorenbildKai Blasberg

Lass es!


Lass es!


Ein schönes Leben ist die gute Verbindung aus Wirklichkeit und Möglichkeit.



Von Helmut Schmidt, dem großen Mentholisten, habe ich Vieles gelernt:


Werde alt, es hilft der Legendenbildung.

Rede viel, dann kann eine Menge Gutes dabei sein;

das Dumme fällt dann nicht so ins Gewicht.

Nenne Kriegsverbrecher und Militärdiktatoren Deine Freunde, und die Welt liegt Dir zu Füßen. Denn Du bist ja alt. Und früher war das halt so.

Vor allem aber: lasse weg.

Denn das größte aller Vorbilder, die Helmut natürlich nicht Vorbilder nannte, war der Massenschlächter Marcus Aurelius.

Der kann sich nicht wehren und nicht ein einziger Mensch kann gesichert sagen, ob das ihm zugemessene Zitatgerümpel je seine längst verblichenen Lippen verließ.

Helmut aber war sicher:

Pflicht und Gelassenheit ist, verdichtet auf das eigene Leben, das letztlich einzig Anzustrebende.


Und da kommst Du ins Spiel:

Mein Freund.

Ich habe Dir sehr lange nicht geschrieben.


Und vorab eine Bitte. Nein, ein paar Bitten.

Lies es, aber urteile nicht. Verneine es nicht. Ich weiß, wie gerne Du das tust.

Stell Dir vor, es stimmt, was jetzt kommt.

Du bist mein Freund. Ich meine es gut mit uns.


Zurück zu Marc Aurel, wie er später in der Moderne hieß.

Oder war es doch nur ein Parfum?


Mit Pflicht alleine war es bei ihm ja nicht getan: die Erfüllung derselben war gemeint.


Jeder Mensch, so habe ich es verstanden, hat seine Pflicht.

Welche das ist, hat der Mensch selbst zu benennen.

Jetzt denkst Du bestimmt: „Du Witzbold, schön wäre es“.

Aber: es ist so. Kann sein, Du hast es (noch) nicht getan. Dann frisch ans Werk.

Wenn Du sie aber benannt hat, geht es an die Erfüllung.


Das kann ein paar Wochen oder auch, durchaus nicht selten, ein ganzes Leben dauern.


Denn Pflicht ist wahrscheinlich nicht, aufs Klo zu gehen und sein Geschäft zu verrichten, sondern im klassisch bürgerlichen Sinne zum Beispiel ein Haus zu bauen, ein Kind zu zeugen und einen Baum zu pflanzen.




Und eben dann nach Erfüllung in die Gelassenheit zu steuern.


Denn, so Marc Aurel, wer seine Pflicht erfüllt, kommt in diesen allseits anerkannt größeren Status des Seins.


Gelassenheit beinhaltet das Wort lassen.

Weglassen, es sein zu lassen.


Sprachevolutionär wahrscheinlich unzutreffend, trotzdem sprang es mich heute auf meinen weiten Wanderungen durch das nordfriesische Marschland förmlich an.


Lass es sein. Sei gelassen.


In der Ukraine-Corona-Inflations-Klimakatastrophen-Welt, die wir Alltag nennen, ist das Letzte, was einem im öffentlichen Diskurs begegnet, Gelassenheit.


Nach der Theorie des Marc Aurel kann das nur eines bedeuten:

die Krakeler dieses Öffentlichkeit genannten Diskurses haben ihre Pflicht nicht getan.

Wahrscheinlich nicht benannt.

Und hochwahrscheinlich ist sie ihnen nicht einmal bekannt.


Jetzt wieder zu Dir, mein Freund.


Denn Du beteiligst Dich natürlich, wenn auch meist passiv, durch Rezeption an diesem Diskurs.

Du bist auch deswegen passiv, weil Du Dich ja, vorbildlich, wie ich Dich kenne, an Deiner Pflichterfüllung betätigst und nicht sowas tun kannst, wie ich es hier gerade mache.

Das gehört aber zu meiner Pflichterfüllung.

Weil Du dadurch immer mal wieder ein kleines Stück dieser erstrebenswerten Gelassenheit verspürst, empfindest Du das krakelen so störend.

Sie, die Krakeler, lassen Dich nicht.

Sie lassen Dich nicht in Deine Gelassenheit.

An der Du und die meisten anderen so fleißig arbeiten.


Wie also änderst Du das?


Indem Du es sein lässt.


Weglassen, etwas nicht zu tun, ist eine Tätigkeit an sich.

Dessen bist Du Dir, wie ich weiß, bewusst.

Weglassen bedarf einer Analyse.

Einer Selbstsicht. Einer Aussicht.

Dann erst einer Tat.


Du hast Deine Pflicht erkannt, benannt und bist in der Erfüllungsphase?

Genieße die Gelassenheit. Das Seinlassen.



Lass es sein, jungen Menschen Ihre Angst vor der Zukunft abzusprechen.

Wir hatten das doch auch. No future? Das waren doch wir.


Lass es sein, den nächsten Urlaub nochmal weiter, nochmal länger, nochmal teurer zu planen. Die besten Tage waren doch hier. Wir hatten frei. Das reichte.


Lass es sein, Dir Deine Zeit und Deine Zufriedenheit in den so gar nicht sozialen Medien stehlen zu lassen. Tiervideos ok. Aber das, was bei tiktok verbreitet wird, ist nicht einmal Popcorn. Twitter wütet. Facebook hetzt. Das sind doch nicht wir. Das wollen wir doch nicht.


Lass es sein, Angst zu haben vor Dingen, die Du nicht ändern kannst. Und ändere das, was Du immer schon ändern wolltest.


Lass es sein, das gendern zu bewerten. Mache das, wie Du willst. Niemand wird Schaden daran nehmen, wie Du es tust.


Lass es sein, so viel zu arbeiten. In der Gelassenheit wirst Du viel besser.


Lass es sein, den anderen ändern zu wollen. Schau ihn an und liebe ihn so, wie er ist.


Lass es sein, nicht zu lachen. Worüber kann man denn mehr lachen, als über uns selbst.


Lass es sein, die Schule Deiner Kinder so wichtig zu nehmen. Die Anforderungen der Vergangenheit werden die Zukunft nicht prägen.


Lass es sein, Dir Sorgen zu machen. Für Dich ist gesorgt.


Lass es sein, zu zweifeln. Es gibt keinen Grund für Zweifel. Es gibt Richtig. Und es gibt Falsch.


Lass es sein, lange Weile, Du siehst, zwei Worte, als Bedrohung zu erleben. Das Gegenteil ist wahr.


Lass es sein, man müsste mal zu sagen. Tu es.


Wenn ich das so lese, kommt es mir so vor, als höre ich zu oft die Morgenandacht im DLF.

In der Tat höre ich sie jeden Morgen. Das Sein bestimmt das Bewusstsein hat Marx geschrieben. Wohl wahr.


Wir sind Teil dieser Gemeinschaft, um deren Fortbestand wir uns alle, mehr oder weniger, Sorgen machen. Dabei helfen weder Beschwichtiger noch Leugner, Agitatoren oder Panikmacher. Sie alle vertreten zunehmend Geschäftsmodelle, die wir als Lawinen erleben.

Doch, schau Dich um, Dein Leben, mein Freund, ist streng genommen von Dir selbst ganz stark geprägt. Und anders als in fast allen anderen Gemeinschaften haben wir die Freiheit, uns dem komplett zu verschließen. Mit aller Konsequenz.


Aber wenn es stimmt, dass nach der Erfüllung Deiner Pflicht die Gelassenheit kommt, dann sollten wir uns alle freuen. Es liegt bei uns.

Wir Boomer sind die letzte Generation der Hybriden. Wir kennen vollständig analog, wir kennen fast ganz digital.

Wir wissen, dass der Ethos wichtig ist, die Moral aber überflüssig.

Wir wissen, dass man Glück so wenig kaufen kann wie die Liebe, das Geld damit tatsächlich gar nichts zu tun hat.


Wir haben immer noch viel weiterzugeben, auch wenn wir, zugegeben, dem Kapitalismus auf den süßen Leim gegangen sind.


Aber, mein lieber Freund, was soll denn eigentlich die Alternative zur Hoffnung sein?

Wir als die Missetäter wissen es doch viel besser.

Denn wir kennen Falsch.

Da muss es doch auch ein Richtig geben.

Und ja: das gibt es.


Ich spüre Dich.


Und ich weiß, Du wirst das noch ein paarmal lesen.


Ich lass es jetzt auch.


Best


Kai

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